Ihre Eizelle, mein Kind

In Spanien floriert das Geschäft mit der künstlichen Fortpflanzung. Neuster Trend ist die Eizellenspende, die einer unfruchtbaren Frau zum Mutterglück verhelfen kann. Immer häufiger lassen sich auch Schweizerinnen behandeln. Von Susanna Heim
«Man darf nie aufhören, positiv zu denken», hatte Carla gesagt. Es klang wie ein Zitat aus einem Selbsthilfebuch. Doch jetzt in diesem Tunnel aus Chromstahl und sterilen Fussböden begreift man: Es ist die einzige Durchhaltestrategie, um hier unbeschadet - und schwanger herauszukommen. Das «Instituto Valenciano de Infertilidad» (IVI) am Stadtrand von Alicante ist eine der vielen privaten Fortpflanzungs-Kliniken, die sich entlang der spanischen Mittelmeerküste niedergelassen haben. Das Spezialgebiet der Klinik ist die künstliche Befruchtung mittels Eizellenspende. Sie wird notwendig, wenn eine Frau keine fruchtbaren Eizellen mehr produzieren kann - meist als Folge von Krankheit oder fortgeschrittenem Alter.
Das IVI ist ein weisser, quadratischer Bau mit viel Glas und hellem Holz, von aussen ginge die Klinik auch als Firmensitz einer Werbeagentur durch. Doch wer von den gestylten Empfangsräumen die geschwungene Treppe hinauf in das zweite Stockwerk steigt, betritt eine andere Welt. Es istder sterile Ort der künstlichen Befruchtung. Carla hat ihn vor etwas mehr als fünf Monaten betreten - medizinisch vorbereitet zum Einsetzen eines Embryos, der sich aus der Samenzelle ihres Mannes und der Eizelle einer fremden Frau entwickelt hatte.
Zuschauen via Kamera
Die Behandlung läuft in drei Räumen ab. Sie sind durch Türen miteinander verbunden. In einem Raum werden der Spenderin Eizellen entnommen und in einem Behälter auf Körpertemperatur gehalten. Eine Durchreiche, wie man sie von Profiküchen kennt, führt in den Raum, in dem die Biologen die künstliche Befruchtung vornehmen. «Semen» - Samen - steht in dicken Lettern auf einer Schiebetüre. Hier lagert der aufbereitete Samen des Partners (oder gegebenenfalls eines Spenders). Gegenüber befindet sich der Schrank auf dem «óvulos» - Eizellen - steht. Wenn die Befruchtung gelingt und sich Embryonen entwickeln, findet zwei Tage später im dritten Raum die Einpflanzung in die Gebärmutter der Empfängerin statt.
Die Frau, die mit Zweifeln und Ängsten auf diesem Gynäkologenstuhl liegt, hat zwischen 5000 und 7000 Euro bezahlt. An der Seitenwand des nicht mehr als 20m[2] grossen Raumes hängt ein Plasmabildschirm. Als ob es eine Dosis emotionale Nähe brauchte, kann das Paar via Bildschirm zusehen, wie die befruchteten Eizellen unter dem Mikroskop für den Transfer vorbereitet werden. Die Einführung der Embryonen dauert nicht länger als eine halbe Stunde. Danach heisst es warten.
Bei Carla färbte sich zwei Wochen später der Schwangerschaftstest blau. Sie ist jetzt im fünften Monat schwanger. Die gebürtige Italienerin, die im Tourismusmarketing arbeitet, war gerade 44 geworden, als sie und ihr Mann, 48, nach drei vergeblichen Versuchen mittels In-vitro-Fertilisation (IVF, Befruchtung im Reagenzglas) die Diagnose erhielten: keine Chance mehr. Zumindest nicht mit Carlas Eizellen. «Die Ärzte sagten mir, dass meine Eizellen nichts mehr taugen», erzählt sie. Zuerst sei es ihr Job und danach eine längere Krankheit ihres Mannes gewesen, die das Thema Kind aufgeschoben hätten. Sie zuckt mit den Schultern. «Aber ein Leben ohne Kind war für mich unvorstellbar.» Und eine Adoption? «Das wollten wir ja. Es erwies sich wegen unseres Alters als um einiges komplizierter als der Versuch mit der fremden Eizelle», erklärt sie. Also checkte sie im IVI in Alicante ein.
Nahezu alle ihrer Ausführungen gipfeln bei Carla in dem Satz: «Ich bin der glücklichste Mensch der Welt.» Der Mann, der ihr zu diesem Glück verhalf, hat das freundliche Gesicht eines Dorfschullehrers. Doktor Manuel Muñoz leitet die IVI-Klinik. Wer ihm mit Fragen kommt wie: «Ist Kinderlosigkeit nicht ein Schicksal, das man zu einem bestimmten Zeitpunkt akzeptieren muss?», wird mit Kopfschütteln abgewiesen. «Kinderlosigkeit ist eine von der Weltgesundheitsorganisation anerkannte Krankheit», korrigiert er. In seinem Büro steht neben den Bildern seiner Kinder («auf natürlichem Wege entstanden») eine Foto, die ihn mit dem britischen Biologen Robert Edwards zeigt. Mit dessen Hilfe war 1978 Louise Brown als erstes Kind durch künstliche Befruchtung gezeugt worden.
Schweizer Kundschaft
Doktor Muñoz sagt, er habe einige unfruchtbare Paare aus der Schweiz behandelt. «In Ihrem Land ist die Eizellenspende ja verboten», weiss er und fügt an, die Schweiz belege etwa Rang drei nach England und Deutschland unter den ausländischen Patienten. Aufgrund der gestiegenen Nachfrage hat man ein «internationales Departement» eingerichtet. Rahel, eine Spanierin, die in Bern aufgewachsen ist, kümmert sich um die organisatorischen Abläufe inklusive Hotelbuchung. Zahlen über Schweizer Patienten werden nicht herausgegeben. Man kann nur Schlüsse ziehen. Brigitte Eichenberger vom Verein Kinderwunsch Schweiz glaubt, diese Form des Fortpflanzungs-Tourismus habe zugenommen: «Zumindest haben wir vermehrt Anfragen nach Adressen im Ausland. Meist geht es um Kliniken in Spanien und Tschechien. Solange die Eizellenspende bei uns verboten ist, müssen unfruchtbare Paare irgendwo anders Hilfe suchen. Beraten dürfen wir nicht, aber man findet diese Kliniken ja im Internet.»
Carla erwartet einen Buben. Er hat genetisch mit ihr so wenig gemeinsam wie die drei Adoptivkinder von Angelina Jolie mit der US-Schauspielerin. Denkt sie an die Spenderin, die genetische Mutter, ihres Babys? «No. Nunca.» - «Nein. Niemals.» sagt sie deutlich und ohne auch nur kurz zu zögern. «Das ist mein Kind. Es wächst in mir und vielleicht gleicht es ja auch meinem Mann? Die Spenderin ist für mich eine abstrakte Person, von der ich nichts weiss.» Und wenn das Kind dieser fremden Frau ähnelt? «Dann kann ich damit umgehen», antwortet sie knapp. Das verzweifelte Sehnen sei schlimmer als alles, was noch kommen könne. «Wissen ‹natürliche› Eltern denn, wie ihre Kinder herauskommen?», fragt sie zum Schluss.
In einem Besprechungszimmer im Ostflügel der Klinik sitzt eine Frau mit dunkelblonden Haaren. «Nenn mich Adriana», sagt sie. Die Anonymität ist Voraussetzung für das, womit sie ihr Einkommen als Verkäuferin aufbessert. Sie spendet Eizellen. Für die Spenderinnen hat die Klinik einen separaten Empfang. Das Prinzip der Anonymität ist für die Klinik ein Wettbewerbsvorteil wie das Bankgeheimnis für die Schweiz. Seit in England die anonyme Eizellenspende verboten ist, gibt es dort kaum noch Spenderinnen.
Adrianas grosse blaue Augen erinnern an den Morgenhimmel von Alicante. Sie muss eine beliebte Spenderin für mittel- und nordeuropäische Paare sein. Nur ihre Stimme ist spanisch rau und tief. Und Adriana ist nicht sonderlich gross. Die genauen Angaben von Gewicht, Aussehen, Krankheiten, bis zu ihrem Beziehungsverhalten («das können sie aber nicht kontrollieren», sagt sie) sind in ihrer Datei erfasst. Die Äusserlichkeiten sind wichtig für das «Matching». Damit umschreiben die Reproduktionsmediziner die Abgleichung der Merkmale zwischen Spenderin und Empfängerin. Für die Kundschaft aus dem Norden greift Doktor Muñoz gerne auch auf Spenderinnen aus Polen, der Ukraine oder Russland zurück. Es handle sich um Immigrantinnen, die eine Niederlassungsbewilligung in Spanien hätten.
In den Räumen der Fortpflanzungs- Kliniken gilt die Sprachregel: Eizellenspende ist altruistisch und mit Blutspenden vergleichbar. Tatsache ist: Für die Blutspende gibt es ein gratis Sandwich und eine Ehrennadel. Für Eizellen werden offiziell zwischen 1000 und 1200 Euro bezahlt. Finanzielle Kompensation für Unannehmlichkeiten wird dies genannt. Durch die hormonelle Stimulation, die die Eizellenproduktion anregt, kann es zu Übelkeit, depressiven Verstimmungen, geschwollenem Bauch und starker Menstruation kommen. Adriana betont, sie habe die Prozedur, die mehr als zwei Wochen dauert, gut vertragen. «Sonst hätte ich es nicht sechsmal gemacht», sagt sie und fügt an: «Etwas überempfindlich bin ich gewesen, aber das bin ich häufig vor meiner Menstruation.»
In den Medien kursierten Berichte von Spenderinnen, die als Folge von Blutungen nach dem Absaugen der Eizellen selbst unfruchtbar wurden. Doktor Muñoz holt als Antwort einen Ordner aus dem Regal. Anschauungsmaterial, das Laien die Entnahme der Eizellen erklärt. «Das ist Routine. Ein einfacher Eingriff», sagt er, und ihm seien keine solchen Fälle bekannt.
Die dunkelblonde Adriana ist mit 35ungewöhnlich alt für eine Spenderin. Die meisten Spenderinnen sind zwischen Anfang und Ende 20. Adriana hat die Alterslimite erreicht und ist jetzt auch für den spanischen Markt «gesperrt». Das Gesetz schreibt vor, dass eine Frau maximal sechs Eizellenspenden machen darf. Danach ist die statistische Wahrscheinlichkeit zu gross, dass Kinder einer Spenderin aufeinandertreffen könnten. Als Teilzeitangestellte einer spanischen Modekette verdient Adriana 800 Euro. «Das Geld, das ich für die Eizellen bekomme, brauche ich für Extras, und es kommt meinem eigenen Kind zugute.» Sie hat ihre vierjährige Tochter mitgebracht. Ein aufgewecktes Mädchen mit dunklen Haaren - «sie gleicht ihrem Vater», sagt die Mutter.
Adriana nennt ihre Eizellenspende die «Sache». «Es ist eine Sache, von der ich überzeugt bin» oder «ich habe mir die Sache gut überlegt». Der nüchterne Ton entspricht der Haltung, die sie sich zurechtgelegt hat. Theoretisch könnten irgendwo mehr als sechs Kinder leben, die genetisch von Adriana abstammen. Mit solchen Fragen stösst man an ihre Mauer. «Das sind nicht meine Kinder. Das sind die Kinder der Frauen, die sie geboren haben.» Nicht jede biologische Mutter sei eine gute Mutter, sagt sie noch und fügt hinzu, sie selbst habe nicht den Nerv für ein zweites Kind.
Zur IVI-Klinik kam Adriana durch ein Zeitungsinserat. Auch in studentischen Publikationen wird um junge Frauen geworben. Eine ausgewogene Bank von Spenderinnen ist die Goldreserve einer Fortpflanzungsklinik. Doktor Aizpurua weiss das. «Man muss sie pflegen», sagt der Baske, der im deutschen Freiburg studiert hat. Er ist Arzt am Instituto Bernabeu. Die Klinik befindet sich nur 800 Meter entfernt von der IVI-Klinik. Der Konkurrenzkampf unter den Privatkliniken ist hart. Und er wird auch über die Spenderinnen geführt. Das Instituto Bernabeu lockt Frauen mit lebenslangen, kostenlosen Untersuchungen. In den letzten Jahren ist der Anteil der Hausfrauen und Einwanderinnen unter den Spenderinnen gewachsen und jener der Studentinnen zurückgegangen. «Wir machen verschiedene Tests und nehmen nur die mit der besten Eizellen-Qualität», sagt Doktor Aizpurua. Es komme vor, dass sich Touristinnen als Spenderinnen meldeten. «Typ Aussteigerin auf Zeit», umschreibt er junge Frauen, die Lebenslust und Unentschlossenheit an die Strände der Welt treibt. «Natürlich machen wir ein Drogen-Screening», erklärt der smarte Arzt, ohne dass man danach gefragt hat.
Draussen scheuchen schreiende Kinder die Tauben auf. In den gestylten Räumen des IVI und im Instituto Bernabeu vergisst man, dass Kinderzeugen auch eine natürliche Sache sein kann. Anders als auf den Entbindungsstationen der Spitäler hängen nirgendwo Kinderfotos. Stattdessen schmückt die IVI-Klinik ein Bild, das ein Künstler gemalt hat. Es zeigt die Tochter von Doktor Muñoz am Strand.
Das Instituto Bernabeu expandiert. Nebenan entsteht eine neuer Kliniktrakt. Und bald wird Doktor Aizpurua ausländische Patienten via Internet- Kamera beraten. Zeitsparend sei das. «Die müssen dann nur noch für eine Woche kommen. In dieser Zeit machen wir von der Vorbereitung bis zur Embryonen-Einpflanzung alles.»
Der gesellschaftliche Wandel führt dazu, dass Frauen das Kinderkriegen nach hinten verschieben. Die Natur bleibt die nicht berechenbare Grösse. Doktor Aizpurua glaubt, der Schlüssel zur Mutterschaft der Zukunft liege in seinem Tätigkeitsfeld. «Meinen Töchtern werde ich raten: Lasst euch mit Anfang 20 einige Eizellen entnehmen. Die werden eingefroren. Die Frauen können dann Karriere machen und das Leben geniessen. Und mit Ende 30 kommt die Zeit der Mutterschaft. Dann pflanzt man die Eizellen ein. Auf diese Weise kann eine Frau ihre eigene Spenderin werden», sagt er und wirkt so überzeugt wie ein Autoverkäufer von den neuen Modellen.



